G Einkommen

Resümee

Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen sind sowohl Ausdruck unterschiedlicher beruflicher Positionen und Erwerbsbeteiligung als auch der un- gleichen Bewertung und somit Entlohnung von Frauen- und Männerarbeit. Einkommensnachteile wirken sich nicht nur auf die materielle Absicherung in der Gegenwart und Zukunft aus, sondern bestimmen überdies private, betriebliche und gesellschaftliche Machtverhältnisse. Dementsprechend stellt das Einkommen eine, wenn nicht die zentrale Ressource für soziale Partizipation und ein sicheres und selbstbestimmtes Leben dar.

Unabhängig davon, welches Messkonzept verwendet wird, Frauen verdienen nach wie vor deutlich weniger als Männer

Bei ausschließlich unselbstständig Erwerbstätigen ist der Geschlechterunterschied der Jahreseinkommen gesamt vor Steuern mit 21% geringer als bei ausschließlich selbstständig Erwerbstätigen (32%) und ausschließlich PensionistInnen (30%). Mit der umverteilenden Wirkung von Steuern und Sozialabgaben verringert sich der Geschlechterunterschied netto von unselbstständig Erwerbstätigen auf 17% nach Steuern. Auf Stundenbasis gerechnet und damit arbeitszeitbereinigt erhalten Frauen um 14% weniger Bruttostundenlohn als Männer (Gender Pay Gap). Betrachtet man ArbeiterInnen und Angestellte getrennt, so ist der Gender Pay Gap in beiden Gruppen höher (Angestellte 24%, ArbeiterInnen 27%). Unter allen überwiegend selbstständig Erwerbstätigen, also auch bei Berücksichtigung von MehrfachbezieherInnen, verdienen Frauen im Mittel um 22% weniger als selbstständige Männer. Dies betrifft nicht alle Branchen gleichermaßen, denn Frauen sind nicht nur weniger häufig selbstständig erwerbstätig als Männer , sie sind auch weniger häufig in einkommensstarken Branchen tätig.

Keiner der dargestellten Einkommensunterschiede ist dabei „richtiger“ als der andere, aber sie alle beleuchten unterschiedliche Aspekte der Einkommensdifferenzen und heben unterschiedliche Einflussgrößen der Einkommenschancen von Frauen und Männern hervor. Wenn es darum geht, welcher Umfang an Finanzressourcen Frauen und Männern individuell zur Verfügung steht, sind Einkommen als Produkt von Stundenlohn, Arbeitszeit und Umverteilung durch Steuerung und Sozialabgaben relevant. Bruttostundenlöhne können hingegen die Chancen der eigenständigen Existenzsicherung nicht abschätzen, bringen jedoch Befunde zur gleichen Bewertung von (gleicher) Arbeit.

Bei Frauen mit Migrantionshintergrund ist der Geschlechterunterschied hinsichtlich des Einkommens höher

Unselbstständig erwerbstätige Frauen und Männer mit ausländischer StaatbürgerInnenschaft erhalten im Schnitt einen knapp um ein Drittel geringeren Bruttostundenlohn als Frauen und Männer mit österreichischer StaatsbürgerInnenschaft. Gleichzeitig ist der Gender Pay Gap von AusländerInnen mit 19% höher als bei ÖsterreicherInnen (16%). In Absolutwerten bedeutet dies, dass ausländische Frauen im Mittel um über Euro 7,- weniger pro Stunde verdienen als österreichische Männer und mehr als 50% der Ausländerinnen unter Euro 10,- Bruttostundenstundenlohn bleiben. Wie die Erhebung bei Frauen mit Migrationshintergrund im Rahmen des Frauenbarometers 2015 zeigt, erreichen Frauen mit Migrationshintergrund EU leicht höhere Einkommen als Frauen ohne Migrationshintergrund. Hingegen bleiben Frauen mit Migrationshintergrund Drittstaat deutlich unter dem Einkommen der beiden anderen Gruppen. Diese ausgewiesenen Einkommensunterschiede nach StaatsbürgerInnenschaft und Migrationshintergrund gehen mit strukturellen Unterschieden wie z.B. bei Bildung einher, sie sind aber auch Ausdruck eingeschränkter Beschäftigungsmöglichkeiten und von Diskriminierung.

Mit zunehmendem Bildungsabschluss, Dauer der Betriebszugehörigkeit und beruflicher Qualifikation steigt das Einkommen, gleichzeitig aber auch der Gender Pay Gap

Die Bruttostundenlöhne steigen erwartungsgemäß mit höherem Bildungsabschluss, längerer Betriebszugehörigheit und höheren beruflichen Qualifikationen bei Frauen und Männern, allerdings bei Frauen in einem geringeren Ausmaß als bei Männern. Damit ist der Gender Pay Gap bei UniversitätsabsolventInnen, in Führungspositionen und akademischen Berufen, bei einer Betriebszugehörigkeit von mehr als zehn Jahren und im Alter von über 40 Jahren überdurchschnittlich hoch. Das heißt, Frauen können ihre Bildungsabschlüsse und Qualifikation wie auch ihre berufliche Erfahrung weniger gut für höhere Einkommen verwerten. Die höheren Bildungsabschlüsse von Frauen können damit nur begrenzt zum Abbau der Einkommensunterschiede beitragen . Bei HochschulabsolventInnen ist der Gender Pay Gap im Vergleich zu 2010 wie auch bei PflichtschulabsolventInnen tendenziell gestiegen.

Die Ursachen der Einkommensunterschiede sind eng verknüpft mit der Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern

Wie der Vergleich der Geschlechterunterschiede nach Jahreseinkommen und Bruttostundenlöhnen zeigt, ist das unterschiedliche Arbeitszeitausmaß von Frauen und Männern ein wesentlicher Erklärungsfaktor für den Einkommensunterschied – auch wenn dieser in Wien vergleichsweise gering ausfällt. Darüber hinaus wirkt sich die traditionelle Arbeitsteilung auch über die Berufs- und Branchensegregation auf die Einkommen aus. Die für Frauen typischen Dienstleistungsberufe wie VerkäuferInnen weisen zwar weniger Geschlechterunterschiede auf, aber sind deutlich schlechter bezahlt als Handwerksberufe und einfache technische und Montageberufe. Gerade in diesen männerdominierten Bereichen steigt der Gender Pay Gap weiter an. Eine Annäherung zeigt sich dagegen bei den Führungkräften, wo der Gender Pay Gap wesentlich gesunken ist, und zwar von 28% auf 21%.

Auf die Tatsache, dass „typische Frauenberufe“ schlechter entlohnt werden, weisen zudem die Lehrlingsentschädigungen der am häufigsten gewählten Lehrberufe von Mädchen und Burschen sowie die Entwicklung der Kollektivlöhne in den Vergleichspaaren von frauendominierten und männerdominierten Berufen mit ähnlicher Qualifikation hin. Die Unterschiede zwischen frauendominierten und männerdominierten Berufe sind in den Kollektivverträgen noch stärker ausgeprägt als bei der Lehrlingsentschädigung. Die zeitliche Entwicklung zeigt dabei keine Annäherung, ganz im Gegenteil: Die Unterschiede zwischen „Frauenberufen“ und „Männerberufen“ steigen in allen vier Vergleichspaaren, besonders stark bei jenen, die schon 2014 hohe Einkommensunterschiede aufwiesen.

Die Pensionsunterschiede zwischen Frauen und Männern sind noch deutlich höher als die Aktiveinkommen

Die Einkommensunterschiede von PensionistInnen liegen insgesamt bei 30%. Doch werden auch Mehrfachpensionen mit der umverteilenden Wirkung der Witwen- und Witwerpensionen berücksichtigt. Bei den Alterspensionen verringern sich duch die niedrigeren Stundenlöhne und Gehälter, Einkommenseinbußen aufgrund von Arbeitszeitreduktion und Auszeiten für Kinderbetreuung oder Pflege von Familienangehörigen die Ansprüche von Frauen und erhöhen den Gender Pension Gap auf 42%. Der Gender Pension Gap ist zwischen 2011 und 2015 gesunken, vor allem im Bereich der Alterspensionen. Doch durch die Pensionsreform, die eine 35-jährige und damit meist lebenslange Durchrechnung der Einkommen durch die Anrechnung anstelle der bisher 15 besten Jahre vorsieht, wird sich der Gender Pension Gap in Zukunft erhöhen, weil sich Berufsunterbrechungen und Teilzeitbeschäftigung stärker darauf auswirken.

Haushaltseinkommen steigen stärker bei Familienhaushalten mit Kindern, aber reale Einkommensverluste bei allein lebenden Männern und AlleinerzieherInnen

Die Unterschiede bei den äquivaliserten Haushaltseinkommen nach Haushaltstypen zeigen, dass das verfügbare Einkommen bei allein lebenden Frauen sowohl mit Pension als auch ohne Pension unterdurchschnittlich ausfällt. Nur AlleinerzieherInnen, die überwiegend Frauen sind , und Familien mit mindestens drei Kindern steht ein geringeres Einkommen zur Verfügung. Das gemeinsame Familieneinkommen bleibt damit für viele Frauen nach dem Prinzip des männlichen Ernährermodells die Absicherung für einen höheren Lebensstandard. Allein lebende Personen weisen insgesamt niedrigere Einkommen auf, mit relativ geringen Einkommensunterschieden von Frauen und Männern. Die Geschlechterunterschiede verringern sich durch die sinkenden Realeinkommen allein lebender Männer, während sich bei allein lebenden Frauen ein leichter, wenn auch unterdurchschnittlicher Anstieg zeigt. Problematisch ist, dass auch die Haushaltseinkommen von AlleinerzieherInnen, die insgesamt bereits verstärkt von Armut betroffen sind, real gesunken sind.

Angleichung der Einkommen – eine Frage der Zeit?

Die niedrigeren Einkommen von Frauen wirken sich nicht nur auf ihren Lebensstandard und damit auf die finanziellen Zugangschancen für unterschiedliche Bereiche wie Bildung, Gesundheit oder Wohnen aus. Sie bestimmen indirekt auch die innerfamiliäre Arbeitsteilung, die Entlastung durch zugekaufte Betreuungsleistungen sowie die Machtverhältnisse in PartnerInnenschaften mit. Dementsprechend ist die Forderung nach gleichem Lohn für gleichwertige Arbeit ganz wesentlich für die Lebenschancen sowie ein selbstbestimmtes Leben.

Die empirischen Befunde zum Gender Pay Gap zeigen für Wien ein relativ positives Bild – relativ im Vergleich zu Restösterreich und in der Entwicklung der letzten Jahre. Was aber die postive Entwicklung hin zu einer Annäherung der Einkommen von Frauen und Männern relativiert, ist der Umstand, dass der geringere Einkommensunterschied zwischen Frauen und Männern in Wien nicht allein auf eine Besserstellung von Frauen zurückzuführen ist. Wien weist im Bundesländervergleich die höchsten Einkommen bei Frauen auf, gleichzeitig aber ebenso die niedrigsten Einkommen bei Männern (vgl. Geisberger 2016). Auch die Annäherung der Einkommen von Frauen und Männern ist auf die teilweise stärkere Belastung der Männer durch die Wirtschaftskrise zurückzuführen. Weniger positiv fällt gleichfalls die Entwicklung bei den unbereinigten Jahreseinkommen der aktiv Erwerbstätigen aus, bei denen der Geschlechterunterschied der unselbstständig Erwerbstätigen stagniert. Gleichzeitig zeigt sich eine stärkere Betroffenheit bestimmter Gruppen von Frauen, bspw. von Niedrigqualifizierten, bei denen der Gender Pay Gap gestiegen ist, oder auch in Bezug auf den Bruttostundenlohn von Frauen mit nicht österreichischer StaatsbürgerInnenschaft oder Frauen mit Migrationshintergrund Drittstaat, die deutlich schlechtere Einkommenschancen aufweisen.

Gleiches Einkommen und gleicher Lohn für gleiche bzw. gleichwertige Arbeit sind daher auch in Wien noch nicht in absehbarer Zeit erreichbar. Eine Besserstellung von Frauen beim Einkommen kann wohl nicht ohne Auflösung der beruflichen Segregation und der weiterhin bestehenden ungleichen Verteilung von unbezahlter Arbeit erfolgen. Die zunehmende Erwerbsbeteiligung von Frauen hat die Unterschiede eher noch vergrößert, denn damit strömen mehr Frauen mit geringen Qualifikationen und Teilzeit in den Arbeitsmarkt.

Die Einkommensunterschiede setzen sich im Vermögen und in den Sozialleistungen fort, das Vermögen ist dabei noch ungleicher verteilt als das Erwerbseinkommen (Fessler et al. 2016). Da aber Vermögensdaten nach wie vor lediglich auf Haushalts-ebene erhoben werden und damit nicht geschlechtsspezifisch auswertbar sind, bleiben die Geschlechteranalysen zur Verteilung von Einkommen auf Erwerbseinkommen und Transferleistungen beschränkt.

Anmerkung 1

„No amount of thought or sympathy, no matter how careful or honest, can jump the barriers of experience.“